3. März 2011

Empathie und Reverse Speech

Posted in Gesellschaft um 14:46 von SarahAndrea Royce

In den letzten Wochen habe ich mich aus verschiedenen Gründen intensiver mit dem Thema Empathie auseinander gesetzt. In verschiedenen Diskussionen ging es zum Beispiel darum, aus welchen Elementen Empathie besteht, ob bei schwächeren Instinkten abstrakt erlernte Gesichtsausdruckserkennung, wie bei “Lie to me”, auch zu Empathie gezählt wird und vieles mehr.

Ein paar spannende “Nebenschauplätze” möchte ich hier gerne einmal Vorstellen.

Der Erste ist die Serie “Lie to me”. Es geht um einen Anthropologen und Psychologen, der kulturübergreifende Emotionen studiert hat und nun sein Wissen als eine Art menschlicher Lügendetektor vermarktet. Eine seiner Angestellten gilt als Naturtalent, also eine Person, die eher Instinktiv sehr gut die Emotionen ihres Gegenübers einschätzen kann. Interessant ist, dass mir die Figur, Cal Lightman, erst einmal extrem Unsympathisch und vor allem sehr “kalt” vorkam. Das ständige, stets leicht überhebliche und triumphierende Entlarven von Gefühlen bei seinen Gesprächspartnern – er wirkte nicht wie jemand, mit dem man gerne mal “ein Bier trinken” möchte.
Kürzlich sah ich mir dann doch einmal die erste Staffel vollständig an und habe auch Appetit auf mehr bekommen. Und wie ich nun mal so bin, schaute ich auch auf die Wikipediaseite zur Serie. Dort erfuhr ich, dass die Figur auf einer realen Person basiert, Paul Ekman, der auch selbst an der Serie mitgewirkt hat. Er wird wegen seiner wissenschaftlichen Arbeit auch im Wikipediaartikel zu Empathie erwähnt. Wie Lightman ist er recht kommerziell interessiert wie man seiner Webseite entnehmen kann. Seine starke Beteiligung an der Serie ist dann sicher auch der Grund dafür, dass er ein Blog führt, in dem er “Lie to me” mit der wissenschaftlichen Realität vergleicht.

Ein interessantes Beispiel:
Lightman explains the tactic he has developed over the shows in the last season, which is to shake people up so they will forget to hide their emotions. The problem is that the emotions are probably a reaction to being shaken up not necessarily about whether or not they are lying. I take a completely different tack: establishing a confidential and accepting atmosphere with questions that invite people to tell their story. Once you get people talking they often say more than they intended to say. Our research found that the more words spoken the easier it was to detect lies.

Lightman erklärt die Taktik, die er über die Serie hinweg entwickelt hat in der letzten Staffel, die darin besteht, Leute aufzuwühlen so dass sie vergessen, ihre Emotionen zu verstecken. Das Problem ist, dass die Emotionen dann möglicherweise eine Reaktion auf das Aufwühlen sind und nicht notwendigerweise etwas damit zu tun haben, ob sie Lügen. Ich wähle eine ganz andere Taktik: Ich richte eine lockere und angenehme  Atmosphäre ein mit Fragen, die eine Person einladen, ihre Geschichte zu erzählen. Wenn die Leute erst einmal sprechen erzählen sie meist mehr, als sie vor hatten. Unsere Forschung fand heraus, dass je mehr Wörter gesprochen wurden, desto einfacher war es Lügen zu entdecken.

Das Zweite, das mir aufgefallen ist, ist das Empathie im instinktiven Sinn in den USA vielfach weniger Wissenschaftlich denn Esoterisch betrachtet wird.

Ich sehe da zwei Hintergründe. Noch immer stärkere patriarchale Strukturen und einen größeren Graben zwischen den Geschlechtern in USA, so dass eine Fähigkeit, die hauptsächlich Frauen in hohem Maße haben, nicht wirklich nachvollziehbar ist für die Mehrheit der Einflussreichen und natürlich spielt auch der  Nachhall der New Age Bewegung eine Rolle.

PS: Was da im Video gezeigt wird, bedingt neben einer starken Empathie auch noch die Eigenschaft Hochsensible Persönlichkeit (HSP) und während die genannten Dinge am Anfang noch belegbar sind, wird es gegen Ende (Heilen, Lügen immer detektieren) definitiv Esoterisch.

Und damit ist es auch eine gute Überleitung zu meinem dritten Thema, das auf den ersten Blick genauso Esoterisch wirkt:
Reverse Speech (Rückwärtige Sprache). Dabei geht es darum, das wir Menschen offensichtlich Gedankenfetzen rückwärts in unsere Sprache einbauen, die man durch rückwärtiges Anhören einer Aufnahme auch heraushören kann. Man nennt sie Reversale. Die Theorie kam bei Wissenschaftlern bislang nicht gut an, aber in Gegensatz zu anderen “Esoterischen” Themen kann man diese ja ganz einfach für sich überprüfen. Ich habe es gemacht und fand es faszinierend. Allerdings ist das schon eine ganze Weile her und ich kann da nur noch Anektoden liefern. Ganz deutlich war, dass es bei Menschen, die sich sehr aufs sprechen Konzentrieren, kaum bis gar keine Reversale gibt. Je aufgewühlter eine Person aber ist, desto mehr Reversale finden sich in der Sprache. Also greift hier die Lightman Methode eher als die von Ekman. Wenn ich anderen davon erzählte, waren sie meist Skeptisch und forderten Beweise, und ich nahm dann meist eine von ihnen vorgeschlagene Aufnahme und analysierte sie. Sehr zur Verblüffung der Herausforderer. Das geht im Grunde genommen schon mit dem “Audiorecorder” aus dem Windowszubehör, ich bevorzuge aber eine Soundstudiosoftware, mit der man auch die Tondatei etwas verlängern kann (dabei wird die Frequenz niedriger). Reversale sind etwas schneller als die gesprochene Sprache und einmal habe ich erlebt, dass eine Interviewpartnerin so viel Text unterbringen wollte, dass sie es nicht mehr schaffte. Der lange Satz blieb unbeendet.

Spannend war eine Analyse je einer Rede von Gerhard Schröder und Edmond Stoiber. Während ich bei ersterem nur viel darüber erfahren habe, wie er seine Außenwirkung steuert, er baut Sympathie zum Publikum auf, in dem er zum Beispiel autosuggestiv denkt: “Ich würde euch am liebsten zu einem Kaffee einladen” war Stoiber in seinen Reversalen (so nennt man diese Rückwärtssetze) genauso abgehakt und wirr, wie es seine Interviews nach Außen sind. Ein Reversal, ein einziges Wort, ist mir aber heute noch im Gedächtnis und ich bin froh, das Stoiber heute kein wichtiger Politiker mehr ist. Dieses Wort war: “Menschenjagd”.

Zwei andere besonders beeindruckende “Fälle” war einerseits die Presseerklärung eines Polizeichefs, in der es um einen Fahrerflüchtigen ging, der gerade ein Kind getötet hatte. Während vorwärts nur ein Satz gesprochen wurde, waren es Rückwärts gleich drei und darin waren auch mehr Informationen enthalten. Der Polizeichef war ganz offensichtlich sehr von der Sache betroffen. Der Andere betraf eigentlich nur ein einziges Reversal, ein einziges Wort. Was die Sache so beeindruckend machte, war, dass es vorwärts und Rückwärts abgespielt exakt das gleiche Wort war. Und nicht etwas sowas wie: “Lagerregal” oder ein phonetisches statt schriftliches Äquivalent. Das Wort war: “Kirche”. Drehen sie es in Gedanken mal um. Oder nehmen sie es schnell selbst auf und benutzen sie den “Audiorecorder” um es umzudrehen. Da kann eigentlich nichts auch rückwärts an Kirche erinnern.

Um es auf den Punkt zu bringen, ich selbst zweifle nicht an der Existenz der Reversale und hab das sogar gelegentlich eingesetzt, aber was ich viel spannender Finde, ist, dass unser Gehirn offensichtlich ganz selbstverständlich in der Lage ist, diese unbewusste Leistung zu erbringen. Aber gerade in Bezug auf Empathie und Lügen ergibt sich für mich auch eine spannende Frage:

Übersetzen wir es genauso unbewusst wieder zurück? Wissen wir viel mehr über unsere Gesprächspartner, als uns Bewusst ist?

Aber egal ob Ekman(/Lightman)-Methodik, natürliche Empathie oder Reversale, ohne Kontext kennen wir nicht die ganze Wahrheit. Seriencharakter Lightman betont das immer wieder, und der erste, der Reverse Speech professionell vermarktet, lehnte Beispielsweise einen potentiellen Investor ab, weil der in Reverse Speech sagte: “I’m so full of shit” (“Ich bin so voller Scheisse”). Dabei kann es ja einfach sein, dass er auf die Toilette musste?

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